Wie kommt man darauf, ins Ausland zu gehen? Warum bleibt man nicht einfach dort, wo man sich eingerichtet hat, wo man Freunde hat und wo man meint, sich wohl zu fühlen?
Gerade in größeren Firmen gibt es immer wieder Fortbildungen und Coaching, in denen beschrieben wird, wie wichtig es ist, sich aus seiner sogenannten ‚Komfortzone‘ zu begeben. Bei Erwachsenen ist dies leichter gesagt als getan: man geht in die Sauna, auch wenn man es mit dem Kleider ablegen, nicht so hat; man geht in die Achterbahn, auch wenn man es mit dem Wirbeln nicht so hat, man sucht sich einen Brieffreund, auch wenn man es mit dem Schreiben nicht so hat. Bei Kindern und Jugendlichen ist es aber anders: ihnen ist ihr Umfeld und ihre soziale Sicherheit sehr viel wichtiger, als Erwachsenen. Man muss sich gut überlegen, ob man Kinder aus dieser Sicherheit heraus nimmt. Schließlich ist es nicht nur so, dass die Kinder deutlich den Kontakt zu Freunden und Bekannten verlieren, sondern sie entwickeln sich in der Zeit im Ausland auch stark weiter. Wahrscheinlich kommen Kinder mit alten Bekannten und Freunden nach einem längeren Aufenthalt im Ausland deutlich schlechter zurecht: sie entfremden sich.
Zusätzlich kompliziert eine Beziehung des Kindes zu einem Partner die Sache enorm. Aber was ist einem Elternteil wichtiger? Die Charakter liche Entwicklung des Kindes oder die Beziehung, die unter einem Auslandsjahr leidet? Man kann es sich einfach machen und sagen: wenn die Beziehung das Auslandsjahr nicht übersteht, war es eh nicht die richtige Beziehung. Aber das macht es natürlich viel zu einfach. Es ist ein elterliches Wegducken unter der Verantwortung. So eine Situation erfordert viel Feingefühl.
Nicht zuletzt bedeutet das herausnehmen eines Kindes aus einer bestehenden Familie von vier Kindern und zwei Eltern ein auflösen der für alle gewohnten Familienstruktur. Gerade die älteste Tochter oder das älteste Kind haben immer eine Leitfunktion für alle anderen Geschwister. Es ist natürlich schwierig für die nachfolgenden Geschwister, auf die Schnelle eine andere Leit Person zu definieren. Aber auch hier darf man nicht vergessen, dass es sowieso nur eine Frage der Jahre ist, bis die Familienstruktur aufgelöst wird. Es ist also eigentlich nur die Vorwegnahme und aktive Planung eines Prozesses, der so oder so eintreten wird.
Brechen wir es also herunter auf das, was wirklich entscheidend ist, reduziert sich die Entscheidung der Eltern auf die Bereitschaft des Kindes, an einem Auslandsjahr teilzunehmen.
Was kann das Kind gewinnen?
Das Kind kann Selbstständigkeit und Selbstvertrauen gewinnen. Es kann sehr viele neue Erfahrungen machen und viele neue Freunde treffen. Es kann seinen Horizont erweitern und viel Lebensfreude finden. Es kann nach der Rückkehr den Wert der Heimat neu definieren. Ebenso den Wert der Familie und den Wert von Freunden in der Heimat. Das Kind kann eine neue Sprache lernen. Das Kind kann sich komplett auf Menschen und Lebensweise konzentrieren, da wir nicht erwarten, dass das Schuljahr in Deutschland nicht wiederholt wird. Es werden also keine Leistungabfragen nach dem auf das Kind zukommen. 
Was kann das Kind verlieren?
Das Kind kann in der Ferne und in der Fremde psychisch verloren gehen. Das ist denke ich die größte Gefahr. Natürlich kann es auch verunfallen oder erkranken; aber das kann genauso gut zu Hause geschehen. Da wir beschlossen haben, dass alle Kinder ein Auslandsjahr machen werden in der elften Klasse des Gymnasiums und das alle Kinder, das elfte Schuljahr im Gymnasium wiederholen. Nach dem Auslandsjahr, ist es bestimmt kein großer Verlust für die Kinder, das eine Schuljahr zu verlieren. 
Was kann die Familie gewinnen oder verlieren?
Ich werde berichten, wie ich mich fühle, wenn meine Tochter abreist. Im Moment vermute ich, dass es auf Seiten der Familie im Moment der Abreise der Tochter nur Verlustgefühle gibt. wenn man sich in der Familie gut versteht, und es ist bei uns der Fall, dann gibt es kaum etwas, was gewonnen werden kann, wenn jemand auszieht. Der Auszug der Kinder ist für die Eltern immer einer der schrecklichsten Momente im Leben. Das habe ich von vielen anderen Eltern erfahren, deren Kinder das Haus verlassen haben.
Abschließend kann ich zum heutigen Eintrag also nur sagen, dass es gewiss für das Kind das Beste ist, ein Auslandsjahr zu wagen. Für alle Zurückgebliebenen ist es eine schwere Prüfung.